Glücklich leben und naturgemäß leben ist eins.
(Seneca)

Sonntag, 7. Dezember 2014

Kolumne - Weihnachten 2.0

Ein Weihnachtsbericht:

Nun war es mal wieder so weit, die schöne Weihnachtszeit kündigte sich an. Anfang September. Ich staunte nicht schlecht, als ich zu eben jener Zeit große weihnachtlich dekorierte Sonderaufsteller mit Lebkuchenoblaten, Schokoladenweihnachtsmännern, Christbaumschmuck und verschiedensten Pralinen  in den Supermärkten stehen sah. Gefühlt war Ostern mit seinem Hasenwahnsinn gerade erst durch und nun das. Ist das nicht ein bisschen früh für Weihnachten, denke ich bei mir und gehe weiter meine Einkäufe erledigen.

Weihnachten im Oktober


Von nun an ist Weihnachten allgegenwärtig. Überall wo ich hinsehe finde ich Nikoläuse,  bunt blinkende Tannenbäume und andere geschmacklose Dekorationen in den Schaufenstern der Geschäfte. Aus den Lautsprechern dudelt nun nicht mehr die einheitskonforme Supermarktmusik, sondern in Endlosschleifen Jingle Bells und Stille Nacht. Ich frage wirklich mich ernsthaft, ob Weihnachten nicht mehr am 24. Dezember stattfindet sondern von Frau Merkel alternativlos auf den 24. Oktober vorverlegt wurde.

Da ich beruflich quasi täglich in der Stadt bin, konnte ich die weiteren Auswüchse des Weihnachtsrausches ziemlich gut beobachten und möchte das hier einfach mal kurz zusammentragen. Bereits kurz nachdem die Sonderaufsteller in den Supermärkten die ohnehin schon engen Gänge weiter verschmälerten, so waren diese auch schon ziemlich leer gekauft - Lebkuchen, Spekulatius und Schokoweihnachtsmann haben das Fest der Liebe wohl nicht mehr mitbekommen und wurden nun anstatt der normalen Schokolade in Unmengen vertilgt. Auch wenn allein die Verpackung den Preis für die selbe Schokolade enorm steigen lässt. Ansonsten beginnen in der Innenstadt von Kassel Ende Oktober bereits die Vorbereitungen für den alljährlichen Märchenweihnachtsmarkt. Wäre es gesetzlich nicht geregelt, würden die Buden wahrscheinlich schon längst geöffnet haben, wenn sie überhaupt zwischendurch mal geschlossen werden, schließlich wird das ganze Jahr gesoffen - äh gefeiert meine ich.

Das ist aber nicht das einzige was verwundert. Mit mobilem Kranwerk wird mitten auf dem Königsplatz, im Herzen des Märchenweihnachtsmarktes, wo ja eigentlich Frau Holle oder Hänsel und Gretel zu finden sein sollten, eine gigantische Holzalm aufgestellt. Zwei Stockwerke hoch überragt dieser nach Apres-Ski stinkende Glühweintempel alles andere was sich auf dem Königsplatz befindet, die ehemals welthöchste Weihnachtspyramide mal ausgenommen. Im vorderen Bereich gibt es einen Straßenverkauf mit urtypischen weihnachtlichen Spezialitäten Nordhessens, wie etwa Leberkäse, Spätzlepfanne und Sauerkraut. Daneben stehen zum Verzehr dieser zweifelhaften Speisen stehtischähnliche Gebilde, die wie Wildfutterkoben aussehen. Wieder drängt sich die Frage auf, was das mit einem Märchenweihnachtsmarkt zu tun haben könnte und ob nicht der Reiz eines heißen Glühweines die kalte Umgebung ist, wo man sich gerne an den Märchenmotivtassen seine durchgefrorenen Hände wärmt, anstatt in einem künstlich beheizten Uffta-Tempel sich das Zeug gröhlend zu Alpengejodel und Skimusik einfach reinzuschütten, bis man derart voll ist dass man an die nächste Kunsthandwerksbude kotzen muss. Warten wir es ab, ich nehme Wetten an. Pünktlich einen Tag nach Totensonntag wird er dann seine Pforten öffnen, um uns über einen Monat lang auf Weihnachten einzustimmen.

Licht an!


Etwa eine Woche später muss ich im Supermarkt die normale Schokolade suchen, sie wurde auf ein Minimum zusammengeschoben, denn all das Weihnachtszeug braucht Platz - viiiel Platz. Die Auswahl an solchen Produkten ist erschlagend und in der kompletten Fülle unaufzählbar. Immerhin sind die normalen Lebensmittel weihnachtsfrei, es fehlte ja auch noch, dass einen die Weihnachtsfratzen von Milchtüten oder Joghurtbechern angaffen. Auf dem Weg nach Hause stelle ich fest, dass sich anscheinend viele Leute schon fleißig in die Armee der Weihnachtsbegeisterten eingereiht haben und dies der ganzen Nachbarschaft durch auffallende Beleuchtungsinstallationen in, an und um den Fenstern kundtun. Natürlich muss auch der Vorgarten entsprechend zurechtgemacht werden. In allen Farben, die billige Lichterketten so hergeben blinkt, blitzt und leuchtet es nun in den Büschen und Bäumchen, die brav eingefasst im Zierrasen wehrlos diese Entwürdigung über sich ergehen lassen müssen. Auch künstliche Figuren bis hin zu ganzen Rentiergespannen inklusive fettem Weihnachtsmann und einem Schlitten voller Geschenkverpackungen sollen weithin sichtbar bekunden, mit welch guten Geschmack man sich auf das Weihnachtsfest freut.

Anfang November ist das Leben nicht mehr wie es war. Überall prangt nun fett Werbung, was man denn alles zu kaufen habe, damit das Weihnachtsfest auch wirklich so richtig toll wird. Tut man es nicht, dann suggerieren einem diese Botschaften, dass man das Weihnachtsfest ja dann wohl komplett vergessen kann, weil es eben dann an genau diesem oder jenem fehlen wird. Auf allen Werbetafeln und Litfasssäulen der Stadt wird uns immer wieder eingetrichtert, dass wir verdammt nochmal unserer Geschenke bei genau ihnen zu kaufen habe und wenn man schon mal etwas schenkt, dann muss es aber auch gleich das beste sein was es im Laden gibt. Was ist mit der Werbung die vorher dort prangte? Weg, überklebt mit der frohen Botschaft, dass es nun los geht mit Weihnachten! Im Kinderkanal, den ich gelegentlich mitschauen darf, werben die Spielzeughersteller mit immer neuen Kreationen an Spielzeug, mit Aktionfiguren die echte Raketen abfeuern können, mit Pipi machenden Babypuppen und mit allerlei Videospielgedöns, welches unter jedem Weihnachtsbaum zu liegen hat. Was ist nur aus den guten alten Spielsachen geworden wie es sie in meiner Kindheit noch gab. Puppen ohne Flash Speicher der einem hirnverbrannte Sätze aus einem billigen Mundlautsprecher um die Ohren schmeißt, einfachem Lego ohne Kanonen und Lichtersäbeln, einer Autorennbahn die nicht nur dazu da ist irgendwelchen Phantasiewesen die Köpfe abzufahren, oder einfach nur den liebevoll geschnitzten Holzspielzeugen ohne Power-Taste und Hyper-Modus? Ganz zu schweigen von den Anfängen der Video Spiele, wo es Tennis, Fußball und ein Jump ‘n Run spiel gab, bei dem man nicht erst 5000 Monster und Menschen abballern muss um einen Level aufzusteigen. Die Gewalt und Sinnlosigkeit, das ist sicher, nimmt bei Kinderweihnachtsgeschenken die beworben werden immer mehr zu, gerade zu pervers, Gewalt zu verschenken, wo es ja eigentlich ein Fest der Liebe sein soll...

Real Christmas Spirit


Oh je, da habe ich ja was gesagt. Was soll das denn sein? Ein Fest der Liebe? Nicht heute bitte, dass können wir dann Weihnachten machen! Gut, verschieben wir die Frage.

Der Rummel geht seinen gewohnten Gang, bis, wie vorhergesagt pünktlich nach Totensonntag der Kasseler Mächenweihnachtsmarkt mit Saufalm seine Pforten öffnet. Komplett kann ich diese Veranstaltung hier nicht dokumentieren, das würde Bücher füllen, aber anhand eines Wochentages und eines Wochenendtages möchte ich hier zeigen wie es wirklich war, nicht wie es in der Propagandapresse dargestellt wurde (als voller Erfolg natürlich, der allen Weihnachten so richtig nahe gebracht hat). Mein erster Rundgang durch die Rumpelstilzchengasse zeigt gleich das Hauptthema des Jahres: Fressen und Saufen. Noch mehr Buden werben um die Besucher um sie mit fettigen Speisen und reichlich Alkohol zu beglücken. Es ist etwa halb zwölf vormittags, Montag, der Markt an sich ist relativ normal besucht, kein Gedränge in den Märchengassen. Die Verkäufer der versteckten Kunsthandwerkstände sitzen gelangweilt in ihren Hütten und warten darauf, dass sich einer der Besucher in den innerern Ring verirrt. Das ist lustig, der Markt ist im Prinzip in zwei Ringe aufgeteilt. Auf dem Äußeren stehen NUR Fress- und Saufbuden, im Inneren dann die kleinen Büdchen in denen die typischen Weihnachtsmarktartikel angeboten werden. Jeder Besucher MUSS also erst einmal an den duftenden Buden vorbei bevor er zu den anderen kommen kann. Im Zentrum dann der Tempel, die Alm, die wahrlich neue weltweite Maßstäbe an Größe und Monströsität für alle zukünftigen Märchenweihnachtsmärkte setzt. Vom Nahen Multi-Einkaufscenter dudelt die aus dem Supermakt bekannte Endlosschleife Weihnachtslieder. An den Glühweinbuden stehen bereits reichlich Menschen, die sich in Tassen von 1997-2014 den Glühwein, Met, Glögg oder anderes alkoholisches Zeug einverleiben. Ich finde es gar nicht so kalt und zudem noch reichlich früh für das Zeug, aber ich muss es ja nicht trinken. Auch die Würstchenstände, Pommesbuden, Bratereien und all die anderen Speisestände können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Das soll für heute reichen, ich verlasse den Markt um an einem belebteren Abend wiederzukehren und mich nach dem Geist von Weihnachten umzuschauen.

Da bin ich wieder, abends, es ist voll, richtig voll. Wir werfen einen kurzen Blick in das angrenzende Kaufhauscenter, kehren aber direkt wieder um, da sich Schlangen an den Rolltreppen gebildet hatten, worauf wir keine Lust hatten. Bleiben wir also auf dem Markt. Es ist schwer mit einem Kinderwagen voran zu kommen. Zum einen ist es wie gesagt sehr voll und zum anderen stehen die hässlichen Springbrunnenpoller der glorreichen Königsplatzbewässerungsanlage überall im Weg rum. Da hat sich bei der Planung dieses ‘Brunnens’ jemand wieder so richtig viele Gedanken gemacht... Sei es drum, langsam schieben wir uns mit der Masse weiter, im äußeren Ring. Die Arbeitskräfte vom Catering Service an der zweiten Glühweinbude links kommen kaum mit dem Ausschank und der Zubereitung der Getränke und Speisen nach, da ein nicht abreißender Strom von Hungrigen und Durstigen anstürmt. Oh, da hinten scheint es ein wenig leerer zu sein, dort versuchen wir hin zu kommen. Eine halb offene Hütte steht dort, gähnende Leere davor und darin. Und dann sehe ich warum. Auf einem schlichten Holzschild steht ein Wort, dass bislang in diesem Text noch nicht erwähnt wurde (weil es auch nirgends vorher auftauchte!), welches aber meiner Meinung nach sehr viel mit Weihnachten zu tun hat, glaube ich zumindest. Jesus. Kann man das essen? Macht das auch schön voll? Nein? Dann macht’s gut. Niemand, wirklich niemand außer dem älteren Herrn hinter dem Tresen mit Büchern und einem Jüngeren, der an einem Stehtisch auf Fragende wartete. Nicht ein Besucher hier? Jesus. Ich gehe hin, komme schnell in ein nettes Gespräch und erfahre, dass nur sehr wenige Menschen zum Stand kommen, dass es nicht gelingt mit der Botschaft Jesu, da ist dieses Wort schon wieder, die Leute von den Glühweinständen wegzulocken, dass es niemanden interessiert was Weihnachten (und überhaupt mit Jesus) passiert ist. Hin und wieder fragte wohl jemand, ob er in der freien Ecke der Hütte seine Geschenketüte für ein Stündchen deponieren könne. Ich wünsche den beiden gesegnete Weihnachten und tauche wieder ein in die anonyme Masse wo mir gleich eine Tüte eines Kaufhauses ins Auge sticht, auf der in großen Buchstaben ‘REAL CRISTMAS SPIRIT’ steht. Ausdrücke wie Weihnachtsfanatismus oder Verdummung der Massen kommen mir unweigerlich in den Sinn. Nach kurzer Zeit gehen wir wieder, nicht wirklich unser Ding.

Endspurt auf der Zielgeraden


Getreu dem Motto 'ganz oder nur einmal im Jahr' gehen am heiligen Abend dann alle brav in die Kirche. Mit reichlich klingender Münze versuchen sie im Klingelbeutel ein reines Gewissen zu finden, lauschen dem Krippenspiel der Jugendgruppen, wissen danach zwar dass ein Jesus geboren wurde, aber immer noch nicht was er in seinem Leben so gemacht hat. Vielleicht kommt ja was darüber im Fernsehen, oder doch lieber den Kriegsfilm gucken? Klar, viel mehr Action! So, Kirche ist aus, scheiße keine weiße Weihnacht, nur grau, nasskalt und dunkel draußen! Also ab nach Hause, Türen zu, Weihnachten hat begonnen, der fette Braten schmurgelt gemütlich im Ofen, dicke Geschenkepakete warten unter dem 40,- Nordmanntannenbaum auf hoffentlich zufriedene Auspacker und ein Fläschchen Wein mehr als sonst liegt natürlich auch bereit.

Drei Tage später ist alles vorbei. Geschafft! Weihnachten ist vorüber, jetzt schnell in die Stadt und die ollen Geschenke umtauschen, noch fix ein Diätbuch kaufen und dann kann man auch schon reichlich Böller erstehen, den Wein- und Sektvorrat auffüllen und sich schon mal auf Silvester freuen. Und wenn wir mal einen nach Jesus fragen:”Ja, habe ich schon mal von gehört, ich glaube die Gepäckaufbewarungsstation am Weinhachtsmarkt hieß so!”

Frohe Weihnachten!

real christmas spirit

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